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Romiossini 2013



Binnen eines Tages und einer schrecklichen Nacht versank Atlantis, um nie wieder aufzutauchen. (Platon)

Im Jahr 2013 wird der Rettungsschirm der Eurozone fűr das űberschuldete Griechenland zusammenklappen und, so kein Wunder geschieht, wird die Wirtschaft von Hellas in den Fluten des Mittelmeers untergehen wie einst Atlantis.

In allen Medien kann man es lesen; sogar Politiker sprechen es vorsichtig aus. Die Geldmärkte halten es fűr unvermeidlich, nur die Griechen glauben es nicht: dass nämlich das Jahr 2013 den endgűltigen Bankrott des Landes bringen wird.

In den Rhodopebergen fällt noch Schnee, doch auf den Kykladeninseln glänzt die Sonne. In Meteora rűstet man am Fusse der Klöster zum österlichen Grillen der Lämmer – wie soll das alles nur untergehen?

Am 25. März 1821 erklärte Griechenland seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Heute, hundertneunzig Jahre später, hat Hellas die Unabhängigkeit verloren. Seine Regierung ist nur noch Erfűllungsgehilfe der neuen Oberherren, Troika genannt. Die Europäische Kommission in Brűssel, der Internationale Währungsfonds in Washington und die Europäische Zentralbank in Frankfurt bilden zusammen die Troika, die Griechenland zwar vorläufig vor dem finanziellen Kollaps bewahrt, dafűr aber energisch die Zűgel ergriffen hat.

So energisch, dass wenig Rűcksicht auf griechische Befindlichkeiten genommen wird. Brűssel kűndigt an und Athen fűhrt durch, so műsste es sein, aus Brűsseler und Washingtoner Sicht. So ist es auch an den meisten Tagen, an denen die Griechen verblűfft den Strom von detaillierten Befehlen vernehmen, der von der Troika kommt und bezweckt, alles was bislang typisch griechisch war, umzukrempeln. Meistens verstehen die einfachen Griechen gar nicht, was mit ihnen geschieht. Nur wenn es ans eigene Eingemachte geht, dann kapieren sie schnell und protestieren. Meist vergeblich.

Doch nicht immer werden die Befehle der Troika akzeptiert, denn es gibt Romiossini, das Griechentum. Romaioi, Römer, nannten sich die Griechen von Secunda Roma, Konstantinopel und Byzanz. Zwei Jahrtausende Stolz auf Kultur, Sprache und Lebensstil, gewűrzt mit einer reichlich heroischen Geschichte: das ist Romiossini, besungen vom grossen Poeten Giannis Ritsos.

Griechenland hat 350 Milliarden Euro Schulden, 120 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts, und wegen der Zinslast wächst die Verschuldung jeden Tag, wird 2013 voraussichtlich 160 Prozent der jährlichen Wertschöpfung erreichen und weiter auf 200 Prozent zusteuern. Die Sparmassnahmen und Reformen der Regierung sind zwar mutig, reichen aber bei weitem nicht aus. Zahlreiche Berufsgruppen wehren sich vehement gegen die Forderung, bequeme Wettbewerbsbeschränkungen abzubauen.

Während das Ausland kűhl űberlegt, was die Griechen in dieser misslichen Lage tun könnten, denken viele Griechen eher daran, wie ihnen das Ausland helfen könnte. Einen praktischen Vorschlag machte die deutsche Bildzeitung: sie forderte die Griechen auf, einige ihrer tausend Inseln zu verkaufen und mit dem Erlös Schulden zu tilgen.

Ein Aufschrei ging durch Hellas, sind doch die Inseln so heilig, dass Ausländer dort nicht einmal Grundstűcke kaufen durften, geschweige denn ganze Inseln.

Der nächste Schock kam von der Troika: Dominique Strauss-Kahn vom Währungsfonds forderte Athen auf, Staatseigentum zu verkaufen und zu privatisieren, um damit 50 Milliarden Euro fűr den Schuldendienst zu erlösen. Das war eine subtilere Variante des Bildzeitungs-Vorschlags, und wieder ging Hellas auf die Barrikaden. Die Regierung beklagte sich, die Troika habe ihre vertraglichen Kompetenzen űberschritten. Ein Athener Forschungsinstitut kommentierte trocken, die 50 Milliarden Staatseigentum gebe es gar nicht, denn der staatliche Grundbesitz sei grossteils nicht katastalisch dokumentiert. In Jahrzehnten der Achtlosigkeit hätten sich Privatleute, Spekulanten und Klöster rund 45 Prozent dieser Ländereien unter den Nagel gerissen und angeeignet.

Ausserdem wurde argumentiert, dass Privatisierung staatlicher Einrichtungen häufig eine Verschlechterung der Leistung fűr den Bűrger und Verluste fűr den Staat mit sich bringe. Wobei implizit angenommen wurde, dass die bisherige Leistung unter staatlicher Regie gut sei, woran gezweifelt werden darf.

Was die Diskussion um die Privatisierung aber vor allem zeigte, ist der Umstand, dass die űberwiegende Mehrheit der Griechen meint, es seien nun der Troika schon genug Opfer gebracht worden, nun solle sie den Mund halten und ihrer Aufgabe gerecht werden, nämlich Griechenlands fällig werdende Schulden abzudecken.

Dass Griechenland letztlich seine Schulden selbst zahlen muss oder in Bankrott und Elend versinken wird, ist mit Romiossini nicht recht zu vereinbaren. Vereinfacht gesagt heisst das: Wir Hellenen sind bereit, Opfer zu bringen, damit das Ausland unsere Schulden tilgt. Aber nicht zu grosse Opfer und nicht zu lange. Fygete synnefa varia: flieht, dűstere Wolken!

Der schnell gebastelte Rettungsschirm fűr Griechenland hat verhindert, dass der weniger gebildete Teil der Bevölkerung den Ernst der Lage wirklich verstanden hat: man bestraft uns, ja, aber man lässt uns nicht untergehen. Auch 2013 wird der Welt schon etwas einfallen um uns zu retten. In der Zwischenzeit wird geklagt, gegen die Troika polemisiert, wird gestreikt, werden Zunftvorrechte eisern verteidigt und Steuern hinterzogen wie eh und je.

Romiossini. Die Wirtschaft schrumpft weiter, das Steueraufkommen geht deshalb zurűck und der Aufschwung, der den erhofften Budgetausgleich bringen soll, entfernt sich wie eine Fata Morgana.

Dabei hat der Bankrott bereits schleichend begonnen. Die Regierungen der Eurozone diskutieren hinter vorgehaltener Hand den Plan B, der eine Abwertung der Griechenland-Kredite vorsieht. Während offiziell noch die Fiktion aufrechterhalten wird, Hellas werde seine Schulden Euro um Euro bedienen, trifft man Vorbereitungen zum schrittweisen Rűckkauf dieser maroden Kredite zum Geldmarktwert, der gegenwärtig bei etwa 70 Prozent des Nennwerts liegt.

Man erwägt, der griechischen Regierung neue Troika-Kredite zu gewähren, mit denen sie ihre Schulden, vor allem bei ausländischen Banken, zum Marktwert zurűckkaufen kann. Vorher freilich will die Kommission Europas Banken zwingen, ihre faulen Staatsanleihen von Griechenland, Irland und Portugal zum Marktwert statt zum vollen Wert auszuweisen. Damit werden die Banken gezwungen, de-facto Verluste in Höhe von hunderten Milliarden einzugestehen, die sie bislang im Bankbuch versteckt haben.

So sie keine Rűckstellungen in gleicher Höhe bereits gebildet haben, könnten Banken ihr Eigenkapital teilweise oder ganz verlieren, so dass eine neue und diesmal tödliche Runde von Bankenpleiten bevorsteht, so der Staat nicht noch einmal einspringt. In jedem Fall werden die Banken durch die neuen Vorschriften animiert, das geplante Rűckkaufangebot der griechischen Regierung zu akzeptieren. Es wäre in dieser Lage besser fűr sie, jetzt noch mit dreissig Prozent Verlust aus der Affäre zu kommen, als nach einem Staatsbankrott 2013 wahrscheinlich viel weniger zu bekommen.

Plan B hat also zum Ziel, den Banken, Versicherungen und Investitionsfonds, die sich stark in Griechenland engagiert haben, einen grossen und angemessenen Teil der Verluste aufzubűrden. Gelänge es Athen mit Hilfe der Troika, sich vollständig umzuschulden, dann liesse sich der Schuldenstand von untragbaren 160 Prozent 2013 auf immer noch schlimme, aber eher bedienbare 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts drűcken.

Der Preis fűr diese Umschuldung wäre freilich hoch. Auf viele Jahre hinaus bekäme Griechenland keine kommerziellen Kredite zu erträglichen Zinsen mehr. Athen wäre ein Paria unter den Mitgliedern der Eurozone. Das Misstrauen der Geldmärkte und die Kosten des Schuldendiensts an die Troika wűrden die griechische Wirtschaft in Form hoher Steuern und Abgaben belasten, und damit die Einkommen drűcken. Deflation und Depression wűrden es schwierig, wenn nicht unmöglich machen, den fűr den Schuldendienst mindestens erforderlichen Budgetűberschuss von 10 Prozent Jahr um Jahr zu erwirtschaften.

Griechenlands Wohlstand wűrde unter das Niveau sinken, das vor dem Eintritt in die Eurozone herrschte. Die neue Armut und Hoffnungslosigkeit wűrden erst die Hochqualifizierten und danach auch einfache Arbeitskräfte aus dem Land treiben. Nach Meldungen aus Athen planen bereits 50.000 Akademiker, auszuwandern. Ihre Remittenten műssten helfen, die in der Heimat verbliebenen Familien zu ernähren. Ein Wirtschaftsmodell, das Griechenland nur allzu gut aus der Vergangenheit kennt und das es fűr immer űberwunden glaubte.

Gelingt der Plan B, die Umschuldung, nicht, so gibt es nur mehr zwei Alternativen: entweder deckt die Eurozone weiterhin Athens Verbindlichkeiten ohne Aussicht auf ein Ende dieser blutenden Wunde, oder Griechenland geht endgűltig in Bankrott. Das bedeutet den Austritt aus der Eurozone und keine Aussicht, jemals mehr als einen kleinen Teil der Kredite zurűckzuzahlen. Die Gläubiger wűrden wegen ihrer schweren Verluste selbst in Turbulenzen geraten. Die Troika műsste ihr Engagement abschreiben; der Währungsfonds wűrde Griechenland nicht mehr bedienen. Der Lebensstandard der Hellenen näherte sich dem Polens oder der Slowakei.

2013 wird also ein Schicksalsjahr fűr Hellas werden. Entweder es gibt ein Wunder, oder das Griechenland von heute wird untergehen. Die Erinnerung an zehn goldene Jahre des auf Betrug gebauten Wohlstands wird noch lange die Geműter wärmen wie das Nachglűhen einer heissen Herdplatte.

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—— Benedikt Brenner